Explosionskatastrophe von Bruchköbel

Explosionskatastrophe bei der Firma Reinelt

Am Dienstag, dem 9. Februar 1982, morgens um 6:33 Uhr erschütterte eine schwere Explosion die Stadt Bruchköbel, die in einem Umkreis von 20 km zu hören und zu spüren war. Die Produktionsstätte der Kosmetikfirma Reinelt war durch eine Gasexplosion in die Luft geflogen. 3 Todesopfer, sowie 18 teils schwerverletzte Personen waren zu beklagen. Die massive Fabrikationshalle mit einer Grundfläche von ca. 1.850 m2 wurde durch die Explosion total zerstört. Von der unmittelbar angebauten, ca. 1.200 m2 großen Verlade – und Lagerhalle war nur noch die verbogene Stahlkonstruktion übrig geblieben.

Die Kosmetikfirma, in der die Explosion stattfand, produzierte mit 70 Beschäftigen vor allem Parfüms, Flüssigseifen, Reinigungsmittel und Sprays aller Art. Zum Zeitpunkt der Explosion befanden sich etwa 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Frühschicht im Bereich des Fabrikgeländes. Gebäude im Umkreis von 500 m wurden schwer beschädigt. Dächer wurden abgedeckt, Dachkonstruktionen zerfetzt, Außenwände eingedrückt, Innenwände verschoben sowie Fenster und Türen herausgerissen. Im Umkreis von 200 bis 500 m wurden ebenfalls noch Dächer abgedeckt. Selbst in einer Entfernung von 5 km flogen Dachziegel von den Dächern und Fenster und Türen wurden beschädigt. Insgesamt waren 1.346 Gebäude betroffen. Der gesamte Schaden, der von der Hessischen Brandversicherung getragen wurde, betrug rund 14 Mio. DM.

Für die Feuerwehr der Stadt Bruchköbel war dies bis heute der größte Einsatz in ihrer Geschichte.

Den ersten Feuerwehrkräften am Einsatzort bot sich ein Bild des Grauens. Die Trümmer der explodierten Fabrik waren bis auf die umliegenden Straßen und in die Gärten der Häuser geflogen. Ein anschließender Brand mit dichten Rauchwolken lag über den Trümmern der Fabrik. Die nach und nach eintreffenden Feuerwehren der Stadt Bruchköbel begannen mit einem umfassenden Löschangriff und der Kühlung des Propan-Butan-Tanks.  Aus dem Gebäudeteil, welcher an die damalige Firma Miketta angrenzte, wurden Hilferufe wahrgenommen.  Aus diesem Bereich wurden später 3 verletzte Männer und eine tote Frau geborgen.  Nach unmittelbarer Information an den Landrat wurde Katastrophenalarm ausgelöst,  gleichzeitig wurde im Rathaus von Bruchköbel eine Katastrophenleitstelle eingerichtet, die über Funk ständig mit der Einsatzstelle vor Ort in Verbindung stand.  Die Einsatzleitung im Rathaus wurde von Bürgermeister Udo Müller wahrgenommen. Vor Ort lag die Einsatzleitung in den Händen von Stadtbrandinspektor Ludwig Schlag sowie dem Standbrandinspektor von Hanau, Egon Zeiger. Zusätzliche Feuerwehren wurden zur Brandbekämpfung, Bergung, Versorgung und später auch zur Aufräumung alarmiert. Neben den Feuerwehren der Stadt Bruchköbel wurden die Feuerwehren aus Hanau, Erlensee, Nidderau, das Deutsche Rote Kreuz, örtliche Ärzte, Technisches Hilfswerk, Bundeswehr, US-Army, Polizei, Militärpolizei, Mitarbeiter des Städtischen Bauhofes und der Verwaltung, Hundestaffel, Hubschrauber und Privatfirmen eingesetzt. Die Zahl der eingesetzten Kräfte lag bei ca. 560 Personen.

Gegen 8 Uhr war das Feuer weitgehend gelöscht und es konnte gezielt nach den vermissten und verletzten Personen, die unter den Trümmern vermutet wurden, gesucht werden. Ein weiteres Opfer wurde tot im Gang zwischen Aufenthaltsraum und Abfüllhalle gefunden. Die ersten Suchhunde der Hundestaffel aus Wiesbaden trafen gegen 10 Uhr an der Einsatzstelle ein und begannen sofort mit der Suche nach weiteren Verschütteten.

Der Lageort des dritten Todesopfers wurde von den Suchhunden im ehemaligen Mischraum angezeigt. Die Bergung unter all den Trümmern erwies sich als äußerst schwierig. Von weiteren Suchhunden, die zwischenzeitlich eintrafen, wurden drei Stellen angezeigt, an denen jedoch nach Räumung keine weiteren Opfer gefunden wurden. Gegen 11 Uhr war noch nicht bekannt, wie viele Personen vermisst wurden. Die Einsatzstelle wurde von allen Seiten systematisch durchsucht, weitere Spürhunde kamen zum Einsatz, allerdings ohne Erfolg. Im Laufe des Einsatzes wurde bekannt, dass zwei Personen noch immer vermisst wurden. Erst gegen 17 Uhr kam von der Kripo Hanau die Information, dass die vermissten Personen bereits im Krankenhaus sind. Für die Feuerwehren der Stadt Bruchköbel ging der Einsatz dieser außergewöhnlichen Katastrophe bis zum 15. Februar 1982. 7 Tage, Tag und Nacht waren Feuerwehrleute im Einsatz um die Einsatzstelle auszuleuchten bzw. um Aufräumarbeiten und Absicherungsarbeiten durchzuführen. Auch zur Unterstützung der Schadensermittlung durch die Experten des Landeskriminalamtes wurde die Feuerwehr tätig.

Parallel zu der Brandbekämpfung bzw. Bergung musste vom städtischen Bauhof und der Polizei eine weiträumige Sperrung des Katastrophengebiets durchgeführt und der Straßenverkehr umgeleitet werden. Die Räumung der umliegenden Straßen und Verkehrsflächen von Bauschutt wurde von den Hilfskräften des THW Erlensee, den US Streitkräften, der Bundeswehr sowie von privaten Unternehmen vorgenommen. Die eingesetzten Hilfskräfte waren angewiesen, auch die betroffenen Eigentümer bei den ersten Räumungsarbeiten zu unterstützen. Zur schnellen Schadenermittlung wurden von der Hessischen Brandversicherungsanstalt Schätzer beauftragt, sich mit den Geschädigten in Verbindung zu setzen um eine schnelle Schadenregulierung durchzuführen. Ebenfalls richtete die Stadtverwaltung eine Schadensmeldestelle ein, bei der sich Geschädigte melden konnten. Die Stadtverwaltung Bruchköbel nahm mit Unterstützung der Kreisverwaltung und mithilfe einer Baufirma eine Ortsbesichtigung zur Schätzung der Bauschäden an den umliegenden Grundstücken vor. Die Innungsmeister des Glaser- und des Zimmerhandwerkes aus dem gesamten Main-Kinzig-Kreis und den umliegenden Kreisen wurden nach Bruchköbel beordert, um die entstandenen Schäden möglichst rasch zu beheben. Um Plünderungen entgegenzuwirken, wurde von der Bereitschaftspolizei ein Objektschutz eingerichtet. Diese Maßnahme erwies sich als sehr wirkungsvoll. Viele Ortsansässige und Bürger aus den umliegenden Gemeinden boten spontan in allen möglichen Formen ihre Hilfe an.

Die Ermittlungen des Landeskriminalamtes zur Explosionskatastrophe dauerten 6 Monate. Flüssiges Propan-Butan Gemisch, das als Treibmittel in Spraydosen gedrückt wurde, war durch ein kleines Leck in der Abfüllanlage ausgetreten. Vom Vorabend bis zum Katastrophenzeitpunkt war ca. 100 kg Gas ausgetreten und konnte sich in der Produktionshalle sowie im Abfüllraum verteilen. Woher der Funken, der die Explosion auslöste, kam, konnte  nie eindeutig geklärt werden. Heute nach über 30 Jahren stehen auf diesem Gelände Einfamilien- und Reihenhäuser.

Fotos: Landesversicherungsanstalt Hessen